Nichidoku Liederkreis | 日独リーダークライス 17
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13. Sommerakademie 2006 | Vortrag zum Eröffnungskonzert

Einführungs-Vortrag zum eröffnenden Lehrerkonzert
mit Wolfs ›Italienischem Liederbuch‹

Prof. Harmut Fladt

Zwei österreichische Komponisten des 19.Jahrhunderts weisen – in ihrem Leben, in ihren Werken und in der Beurteilung durch Zeitgenossen und Nachfolgende – erstaunliche Ähnlichkeiten auf, ja sogar erschreckende Parallelen: den ersten, den Wiener Franz Schubert, hatte Franz Liszt den »Liederfürsten« genannt. Diese Einschätzung lebt gerade bei Musikliebhabern und im Feuilleton bis heute weiter. Der andere, 1860 im slowenischen Windischgraz geboren, dann aber ebenfalls zum Wiener geworden, war Hugo Wolf. Auch der galt seinen Zeitgenossen als ein »Liederfürst«, eine Beurteilung, die ihm gar nicht gefiel. Ich zitiere aus einem Brief Wolfs an Emil Kauffmann: »Die schmeichelhafte Anerkennung als ‚Liederkomponist’ betrübt mich in die innerste Seele. Was anders will es denn bedeuten, als eben einen Vorwurf, dass ich immer nur Lieder komponiere, dass ich doch nur ein kleines Genre beherrsche.«

Die erschreckende Parallele zwischen Schubert und Wolf: beide infizierten sich mit der Syphilis. Für Schubert bedeutete das den frühen Tod – vielleicht einen gnädigen Tod, denn ihm blieb erspart, was für Robert Schumann, Friedrich Nietzsche und Hugo Wolf die grausame Folge war: die fortschreitende Paralyse und der Wahnsinn. Für Wolf hatten die Krankheits-Schübe eminente Auswirkungen auf das Schaffen. Depressive und manisch-eruptive Phasen wechselten sich ab, und nur in den manischen Phasen war Wolf in der Lage, zu komponieren, spontan, rasend schnell. Unter solchen Voraussetzungen ist es fast zwangsläufig so, dass die Großen Genres gar nicht entstehen konnten; für sie ist lange, mühsame, kontinuierliche Arbeit nötig.

Bei Liszts Einschätzung von Franz Schubert als »Liederfürsten« schwingt ein wenig Herablassung mit: mein lieber Franz, du bist zwar kein Beethoven, aber Lieder komponieren, das kannst du, immerhin. Diese Einschätzung ist falsch, wie wir wissen, denn Schubert beherrschte ebenso alle Gattungen der Klaviermusik, der Kammermusik, der Chormusik, der Symphonik, der großen Messen; dass ihm die Gattung Oper misslang, lag allein an den miserablen Libretti.

Bei Wolf sind die Verhältnisse anders. An den großen Genres, der Symphonischen Dichtung und an der Oper, scheiterte er. Die anderen Gattungen sind entweder gar nicht oder nur rudimentär vorhanden. Seine Symphonische Dichtung »Penthesilea« ist vergessen – zu Recht. Seine Oper »Der Corregidor« sollte an der Hofoper Wien uraufgeführt werden, so hatte ihm 1897 der Hofoperndirektor angekündigt; und dieser Hofoperndirektor – das war das höchste musikalische Amt in Europa – hieß Gustav Mahler. Mahler war Wolfs Jugendfreund; sie hatten als arme 16/17jährige Konservatoriums-Studenten sogar lange zusammen gewohnt, sozusagen in einer frühen Untermiet-WG.

Doch die Aufführung kam nicht zustande, was bei Wolf einen von zahlreichen Anfällen von Wahnsinn auslöste: er hielt sich selbst für den Hofoperndirektor und verkündete, er werde Mahler entlassen. Am 20.September 1897 wurde Wolf in die Nervenklinik (damals Irrenanstalt genannt) eingeliefert. 1904, ein Jahr nach Wolfs Tod im Jahr 1903, dirigierte Mahler die Wiener Erstaufführung des »Corregidor« – aber vergeblich. Alma Mahler bemerkte in ihren Erinnerungen an Gustav Mahler: »Eine Aneinanderreihung von schönen Liedern genügt eben doch nicht für ein dramatisches Werk.«

Die großen Zyklen von Liedern und Gesängen sind nun wirklich das, was Hugo Wolfs Schaffen so bedeutend und unverwechselbar macht. Was sollte uns davon abhalten, Wolfs große Liederzyklen als Gesamtzyklen zu den anspruchsvollen Genres zu zählen? Der für mich gelungenste Zyklus sind die 53 Mörike-Lieder. (Ich denke, das wird hier, in der schwäbischen Heimat Mörikes, gern zur Kenntnis genommen.) Aber wir haben außerdem die Goethe-Zyklen, einen Gottfried-Keller-Zyklus, Eichendorff-Lieder, den späten Michelangelo-Zyklus. Und dann haben wir noch das Spanische Liederbuch und das Italienische Liederbuch.

Die diesjährige Sommerakademie des Nichidoku Liederkreises hier in Rottenburg hat das Thema »Das Liedschaffen Hugo Wolfs«, und endlich sind wir beim Programm des heutigen Abends angekommen, das Stücke aus dem »Italienischen Liederbuch« präsentiert. Ich möchte, bevor ich Ihnen noch einige Erläuterungen dazu gebe, auf ganz spezifische Besonderheiten unserer Sommerakademien hinweisen.

Die teilnehmenden Sängerinnen und Sänger und die Pianistinnen (diesmal sind es ausschließlich Frauen) erhalten nicht nur eine intensive künstlerische und künstlerisch-technische Betreuung durch zahlreichen Dozierenden aus Japan und Deutschland, sondern darüber hinaus auch gründlichen Unterricht in Sprecherziehung, d.h. die zu singenden Texte werden sowohl inhaltlich und in ihrem Ausdruckswert und ihrer Haltung erklärt als auch auf der technischen Ebene, d.h. in Systematik und Methodik der sprachlich-sängerischen Klang- und Laut-Entfaltung.

Ich selbst bin für die musikwissenschaftliche und die musiktheoretisch-analytische Seite verantwortlich; außer den Eröffnungsvorträgen gestern Abend und heute wird es noch 6 Seminare geben, in denen primär das Repertoire der Teilnehmenden im Mittelpunkt steht. Hier ist wichtig das Verhältnis von Analyse und Interpretation. Was ist das Besondere an den jeweiligen Liedern und Gesängen, wie kann ich das Besondere verstehen, und wie kann ich all das in meine Interpretation umsetzen? Durch diese integrierte Gesamtkonzeption unterscheidet sich unsere Sommerakademie doch deutlich von anderen.

Das Italienische Liederbuch von Hugo Wolf hat zwei Bände. Der erste mit 22 Liedern entstand 1890/91, der zweite mit 24 Liedern 1896. Um den oft popularen Tonfällen dieser Texte gerecht zu werden, weitet Wolf seine Liedästhetik auch musikalisch in diese Richtung aus. Der strenge »Wagnerismus«, der ihn sonst häufig auszeichnet, wird erheblich aufgelockert. Wahrscheinlich wurde Wolf auch durch die Lektüre des Philosophen Friedrich Nietzsche beeinflusst, der ja vom Wagner-Bewunderer zum scharfen Wagner-Kritiker geworden war und gerade Carmen von George Bizet gleichsam als »Gegengift« zu Wagner proklamiert hatte.

Ob es nun ein schöner Zufall ist oder von Wolf bewusst geplant: das »Italienische Liederbuch« beginnt mit der Miniatur »Auch kleine Dinge können uns entzücken«. Mir scheint das wirklich programmatisch zu sein. Erinnern Sie daran, dass Wolf große Probleme damit hatte, als ein Komponist nur des »kleinen Genres« eingeschätzt zu werden. Hier scheint er seinen Frieden damit gemacht zu haben. Die Miniaturen haben ganz unverwechselbare Eigenständigkeit. Der Erhabenheits-Anspruch der Neudeutschen Schule führt oft genug zu hohl donnerndem, leerem Pathos, auch in zahlreichen Gesängen Hugo Wolfs. Die Rücknahme eines äußerlichen Auftrumpfens im Italienischen Liederbuch macht einen wesentlichen Teil der Qualität dieser Lieder aus.

Die Wolf-Biographik zitiert gern aus einem Brief von Hugo Wolf an Emil Kauffmann: »Es ist wieder eine ganz andere Welt, und Sie werden nicht wenig erstaunen über meine Proteusnatur, die sich nun einmal in jede Haut hineinfinden kann. Ich halte die Italienischen für das Originellste und künstlerisch Vollendetste unter allen meinen Sachen.« Das ist schön, darf aber nicht überbewertet werden. Im manischen Schaffensrausch hielt Wolf nahezu jedes gerade vollendete Werk für das beste, was er jemals geschrieben hatte. Und dem Größenwahn folgte nur zu oft der Absturz in die Depression.

Der Übersetzer und Nachdichter der Volkstexte und volkstümlichen Dichtungen aus ganz Italien war Paul Heyse. Er wäre heute vergessen, wenn nicht einige Komponisten durch ihre Vertonungen für sein Überleben gesorgt hätten. Seine bilderreiche Sprache ist zwar in ihrer dichterischen Qualität eher zweit- oder sogar drittrangig, aber: sie lässt viel Platz für eine farbige, reiche Musik. Und deshalb haben besonders Johannes Brahms und Hugo Wolf viele Texte von Paul Heyse vertont. Und gerade der Hauch von Exotismus im Spanischen und im Italienischen Liederbuch hatte dazu geführt, dass Heyse im deutschen Bürgertum um 1870 durchaus hoch geschätzt wurde.

Die italienischen Landschaften und die italienische Gesellschafts-Panoramen spiegeln sich in den musikalischen Seelenlandschaften und in den komponierten Gefühls-Panoramen; sie erhellen die Beziehungen der agierenden Individuen. Zahlreiche Szenen werden entworfen. Das ist nicht einfach Stimmungsmache und musikalische Illustration (das hatte Gustav Mahler vielen Liedern seines Jugendfreundes vorgeworfen), sondern eine feine, differenzierte Kunst der musikalischen Charakterisierung. Erst durch Wolfs Musik werden Heyses Texte zu Kunstwerken.

Ich wünsche Ihnen jetzt viel Vergnügen mit den Ausschnitten aus dem ›Italienischen Liederbuch‹.